The sound of silence

Große Teile der deutschen Linken sind so gerne in Bewegung, dass ihnen die Richtung, in die es geht, beinahe schon egal ist. Hauptsache Vorwärts! Hauptsache revolutionär! Wer auf den Mangel an Selbstreflexion der Bewegten verweist, muss damit rechnen, ignoriert oder zurechtgewiesen zu werden. Das gilt besonders, wenn es um das Thema Antisemitismus geht.
Seit Jahren besteht in Hamburg (und anderswo) die unerträgliche Situation, dass Kritiker_innen des linken Antisemitismus oder Menschen, die sich mit Israel solidarisieren, damit rechnen müssen, nicht nur verbal angegriffen, sondern bedroht und geschlagen zu werden. Und allein der Gedanke daran, diese Verhältnisse in ihrer ganzen Tragweite zu skandalisieren, bereitet nicht geringen Teilen der Szene »Bauchschmerzen«. Eine längst überfällige und grundlegende Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus wird mit dem Hinweis auf die Heterogenität der gleichzeitig als einheitlich und geschlossen imaginierten Linken verhindert. Weil die Linke »handlungsfähig« sein müsse und eine »Spaltung« um jeden Preis zu verhindern sei, werden bestehende Konflikte letztlich zugunsten derjenigen aufgelöst, die zum Teil ganz offen antisemitische Ressentiments reproduzieren. Der linke Konsens trägt unter diesen Umständen und solange eine grundsätzliche Aufarbeitung und Reflexion der Thematik nicht stattfindet, notwendigerweise Elemente des Antisemitismus in sich.
Dies ist jedoch, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit über die Ursachen der so weit verbreiteten szeneinternen »Bauchschmerzen«. Die kollektive und hartnäckige Verweigerung, Antisemitismus als ein Problem anzuerkennen, das auch die radikale Linke betrifft, deutet vielmehr darauf hin, dass hier ein Abwehrvorgang wirkt, der die Verdrängung des eigenen Antisemitismus aufrechtzuerhalten versucht. Die schlichte Ignoranz und die gleichzeitig spürbare Gereiztheit, mit der mensch es zu tun bekommt, wenn nur leise auf die Existenz des Antisemitismus von links verwiesen wird, sind so ausgeprägt, wie bei kaum einer anderen Thematik. Das Gefühl, dass die Äquidistanten sich eher gestört fühlen durch jene, die das Problem des Antisemitismus benennen, als durch antisemitisch motivierte Übergriffe, die häufig nicht einmal als solche wahrgenommen werden, trügt nicht. Es ist vielmehr Ausdruck einer Realität, in der der Hinweis auf die Existenz des Antisemitismus als Tabubruch und Angriff auf die eigene Identität erscheint.
Die Wirkungsweise derartiger Mechanismen lässt sich am Beispiel Rote Flora deutlich beobachten. Die Flora inszeniert sich im Zweifelsfall als neutral, begibt sich in eine Außenposition, die es an dieser Stelle nicht geben kann, nimmt Konflikte um das Thema Antisemitismus als Revierkämpfe rivalisierender Jugendgangs wahr und verortet sich damit jenseits von good and evil. Wem beispielsweise nichts besseres einfällt, als eine Solidaritätserklärung mit den Betroffenen eines gewalttätigen Übergriffs von linken Antisemiten unter die Überschrift: „Für einen solidarischen und respektvollen Umgang in linken Strukturen!“ zu stellen, verkennt und verharmlost die Dimension solcher Angriffe. Der politisch-inhaltliche Kern der Auseinandersetzung wird im Verlauf dieses Flora-Papiers dann auch nicht ansatzweise berührt. Stattdessen wird ausgewichen, verschoben und verkehrt, bis sich der Text mit einigem Aufwand und auf vier Druckseiten an den Minimalkonsens herangetastet hat: Gewaltverzicht in szeneinternen Auseinandersetzungen. Viele Florist_innen würden sich selbst am liebsten glauben, dass Antisemitismus kein Thema ist, solange niemand davon spricht.

Mit der Veranstaltungsreihe ‘The Voices of Germany’ werden wir einen erneuten Versuch unternehmen, den Antisemitismus von links zum Thema zu machen. Die Rote Flora kann so zumindest temporär zu einem Ort der Kritik unerträglicher Verhältnisse innerhalb der Szene werden. Mit einem linken Konsens, der auf der Unfähigkeit zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus basiert, muss gebrochen werden.
Insgesamt sind verschiedene Veranstaltungen geplant, die sich aus unterschiedlicher Perspektive mit dem Thema beschäftigen. Die Geschichte des linken Antisemitismus, dessen subjektive und objektive Bedingungen werden mit der Veranstaltungsreihe ebenso thematisiert, wie Antizionismus, Israelkritik und der Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Geschlechterverhältnis.